Monday, January 21, 2008

Indien: "Der gute Riese"

Auszüge aus der Financial Times Deutschland, 21.01.2008, S. 27

Der gute Riese

Von Olaf Preuss

21.01.2008


Der wirtschaftliche Aufstieg Indiens ist atemberaubend. Anders als der Boom im autokratischen China birgt der des indischen Subkontinents für den Westen mehr Chancen als Risiken. Von Olaf Preuss

[...] Nur sehr langsam hat sich Indiens wirtschaftlicher Aufstieg in den vergangenen Jahren ins Bewusstsein der westlichen Öffentlichkeit geschoben. Das Land mit der zweitgrößten Bevölkerung der Erde entwickelt sich mit weniger Wucht als sein großer Nachbar China – gleichwohl mit beachtlichen Wachstumsraten von bis zu zehn Prozent. Mittlerweile machen die Wirtschaftsmeldungen aus Indien denen aus China regelmäßig Konkurrenz. Zumeist sind es gute Nachrichten wie kürzlich jene, dass der indische Konzern Tata mit dem Billigauto „Nano“ den heimischen Markt und obendrein die Märkte in vielen Schwellenländern erobern will.

Griff nach europäischen Unternehmen

Das Beispiel des Nano zeigt, wie Indien nicht nur als Dienstleistungs-, sondern auch als Industriestandort über die eigenen Grenzen hinaus Bedeutung gewinnt. Das künftig billigste Auto der Welt, das nur rund 2500 $ kosten soll, mag in der Branche die Furcht wecken, dass den etablierten Konzernen in Asien ein neuer, gefährlicher Konkurrent erwächst. Doch die Erfolgsgeschichte des Tata-Konzerns dokumentiert etwas Wichtigeres: ein wachsendes technologisches und ökonomisches Selbstbewusstsein, von dem nicht nur die Menschen in Indien profitieren, sondern auch die ausländischen Partner der indischen Unternehmen. Der weltgrößte Automobilzulieferer Bosch etwa, der bereits seit Ende der 50er-Jahre ein Tochterunternehmen in Indien betreibt, will wesentliche Elektronikkomponenten für den Nano fertigen.

Indische Unternehmer wie Ratan Tata, Stahlproduzent Lakshmi Mittal, Reliance-Miteigentümer Mukesh Ambani oder Tulsi Tanti, Inhaber des Windturbinenherstellers Suzlon, investieren international und vernetzen Indien zunehmend mit der Weltwirtschaft. Mittal, dessen unternehmerische Wurzeln in Indien liegen, schuf den größten Stahlkonzern der Welt. Tata greift nach Traditionsmarken wie Jaguar und Land Rover, die bislang noch zu Ford gehören – immerhin industrielle Perlen der einstigen indischen Kolonialmacht Großbritannien. Und Tanti übertrumpfte im vergangenen Jahr den französischen Staatskonzern Areva beim Bieterkampf um das Hamburger Unternehmen Repower. Es gehört nun zum größten Anbieter von Windturbinen in Asien.

[...]

Wertvolle Rechtssicherheit

Indien ging den umgekehrten Weg. Seit der Unabhängigkeit des Landes 1947 wuchsen – mit vielen blutigen Rückschlägen – über Jahrzehnte eine stabile Demokratie heran und ein Justizsystem, das deutlich mehr Rechtssicherheit bietet als das chinesische – auch ausländischen Investoren. Auf dieses Fundament setzte die Erfolgsgeschichte der indischen Wirtschaft auf, die erheblich weniger staatlichem Einfluss unterliegt als die chinesische. Indien gelang es, Wirtschaftswachstum mit politischer Stabilität und demokratischer Entwicklung zu verbinden – anders als China, anders aber auch als das Nachbarland Pakistan, das bis 1947 ebenfalls zur britischen Kolonie Indien gehörte. Dem dortigen Militärdiktator Pervez Musharraf gelingt die demokratische Öffnung des Landes nicht. [...]

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